Süsses oder Saures
Am Abend des 31. Oktober ziehen verkleidete Kinder von Haus zu Haus und fragen «Süsses oder Saures?». Wer die Tür öffnet, entscheidet, was folgt: eine kleine Süssigkeit oder, wenn diese ausbleibt, ein Streich. Auch an den Finanzmärkten liegen Süsses und Saures derzeit nahe beieinander. Was heute süss erscheint, kann morgen durchaus sauer schmecken.
Für Süsses sorgt zunächst die Konjunktur. Besonders erfreulich ist die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Ein wichtiger Treiber ist dabei der Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz. Die hohe Nachfrage nach KI-Infrastruktur schafft neue Umsatz- und Gewinnpotenziale und stützt damit die Aktienmärkte.
Doch ausgerechnet die KI wird zunehmend auch zum sauren Faktor. Der Markt setzt grosse Hoffnungen darauf, dass die hohen Investitionen nicht nur Umsätze, sondern auch nachhaltig steigende Margen und Gewinne hervorbringen. Dies hat dazu beigetragen, dass die Bewertungen trotz steigender Aktienkurse über Monate zurückgingen: Die Gewinnerwartungen stiegen noch stärker als die Kurse. Die vermeintlich günstigen Forward-KGVs sind damit an eine anspruchsvolle Voraussetzung geknüpft. Insbesondere bei Halbleitern setzt die aktuelle Bewertung eine aussergewöhnlich starke Gewinnentwicklung voraus. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, kann sich die Bewertungsrelation rasch verändern.
Auch die Makroseite liefert Saures. Hohe Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck und erschweren den Zentralbanken die Steuerung der Geldpolitik. Gleichzeitig belasten hohe staatliche Defizite und steigende Laufzeitprämien die langfristigen Anleiherenditen. Höhere Renditen sind für Anleiheinvestoren zwar attraktiv, erhöhen aber zugleich die Kapitalkosten und setzen Risikoanlagen unter Druck.
Der Oktober hat gezeigt, dass die Märkte auf diese Spannungsfelder empfindlich reagieren. Eine nachhaltige Trendwende lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Solange Konjunktur und Gewinnentwicklung intakt bleiben, überwiegt aus heutiger Sicht das Süsse. Die Erwartungen sind jedoch hoch und damit auch die Fallhöhe.
Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre.
Freundliche Grüsse
Gzim Hasani, CEO
Bekim Laski, CFA, Chief Investment Officer

