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«Sell in May and Go Away»: Mythos oder gewinnbringende Strategie?

Artikel
6 Mai 2026
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«Sell in May and go away» gehört zu den bekanntesten Börsenweisheiten überhaupt. Die historischen Daten bestätigen ein statistisch schwächeres Sommermuster. Eine belastbare Anlagestrategie lässt sich daraus dennoch nicht ableiten. Warum das so ist und was die Daten wirklich zeigen, erläutert dieser Beitrag.

Saisonalitäten an den Finanzmärkten

Saisonalitäten bezeichnen wiederkehrende Muster, die sich in bestimmten Kalenderperioden beobachten lassen. Sie werden seit Jahrzehnten sowohl in der akademischen Forschung als auch in der Marktbeobachtung untersucht.

Zu den bekanntesten zählt die sogenannte «Santa Claus Rally» zum Jahresende, eine typischerweise freundliche Marktphase rund um den Jahreswechsel, die häufig mit dünneren Handelsvolumen, Jahresendstimmung und Neupositionierungen institutioneller Investoren in Verbindung gebracht wird.

Die bekanntere saisonale Auffälligkeit ist jedoch das Muster «Sell in May and go away». Laut dieser Strategie steigt ein Investor Ende April aus den Aktienmärkten aus und investiert Ende Oktober wieder. Ziel ist es, die tendenziell schwächere Entwicklung in den Sommermonaten, insbesondere im August und September, zu umgehen. Denn historische Daten vieler Aktienmärkte zeigen, dass die durchschnittlichen Renditen in diesen Monaten häufig unter dem Jahresdurchschnitt liegen. Als Erklärungen werden unter anderem tiefere Liquidität während der Ferienzeit, Gewinnmitnahmen nach der Berichtssaison sowie taktische Umschichtungen institutioneller Investoren genannt.

Dabei gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass ein negativer Durchschnitt nicht auch zwangsläufig bedeuten muss, dass August und September in jedem einzelnen Jahr schwach oder negativ ausfallen. Median-Daten verdeutlichen dies, denn sie zeigen, dass positive Sommerphasen häufiger auftreten, als der Durchschnitt vermuten lässt. Zahlreiche Ausnahmejahre existieren, und gerade diese können für die langfristige Performance entscheidend sein.

Die entscheidende Frage

Reichen solche Muster aus, um daraus eine fundierte Anlagestrategie abzuleiten? Diese Frage stellt sich im aktuellen Marktumfeld besonders, da trotz anhaltender geopolitischer Spannungen um den Iran-Konflikt haben die Aktienmärkte im April neue Höchststände erreicht. In einem solchen Umfeld, in dem fundamentale Entwicklungen die Kurse treiben, zeigt sich besonders deutlich, ob eine kalenderbasierte Handelsstrategie einen eigenständigen Mehrwert liefert oder ob eine langfristig orientierte Marktteilnahme überlegen bleibt.

Einordnung historischer Daten

Zur Beantwortung dieser Frage wurden die monatlichen Renditen von drei zentralen Aktienmärkten untersucht: MSCI World, S&P 500 und SMI. Der Betrachtungszeitraum umfasst die Jahre 1990 bis 2026, berechnet auf Basis von Preisrenditen in Lokalwährung. Transaktionskosten, Steuern und Spreads wurden nicht berücksichtigt.

Die «Sell in May and go away»-Strategie ist wie eingangs definiert: Ausstieg Ende April, Wiedereinstieg Ende Oktober. Die Buy-and-Hold-Strategie bleibt durchgehend investiert. Im Zentrum steht die Frage, ob sich über den Gesamtzeitraum ein konsistenter Mehrwert der saisonalen Strategie zeigt und wie sich dieser Effekt über die Zeit verändert hat. Die Abbildungen zeigen, wie stark sich eine Investition von 100'000 USD bzw. CHF in diese Indizes entwickelt hätte. Die Differenz (Delta) zeigt den Mehr- bzw. Minderwert einer Buy-and-Hold-Strategie versus einer «Sell in May and go away»-Strategie.

Abb. 1: MSCI World
Abb. 2: S&P 500
Abb. 3: SMI

Statistik ist nicht gleich Strategie

Die Daten zeichnen ein differenziertes Bild. August und September sind konsistent die schwächsten Monate des Jahres: Über alle drei Indizes liegen die Durchschnittsrenditen in diesen Monaten bei ca. -0,5% bis -1%. Daraus lässt sich jedoch kein durchgehend negatives Muster ableiten. Es gibt zahlreiche Jahre mit klar positiven Sommerphasen, die für die langfristige Gesamtentwicklung ausschlaggebend sein können. Das ist relevant, weil Aktienrenditen typischerweise asymmetrisch verteilt sind: Wenige starke Monate machen einen erheblichen Teil der Gesamtrendite aus. Wer in diesen Monaten nicht investiert ist, riskiert einen permanenten Renditeverlust.

Besonders relevant ist der zeitliche Verlauf. Beim S&P 500 hat sich die kumulierte Underperformance der Sell-in-May-Strategie gegenüber Buy-and-Hold ab 2009 deutlich beschleunigt. Seither fällt die Strategie in vielen Marktphasen klar zurück. Beim SMI ist dieser Effekt weniger ausgeprägt, was auf unterschiedliche Marktstrukturen und Sektorgewichtungen hindeutet. Insgesamt hat aber die Strategie im Verlauf der Zeit an statistischer Robustheit verloren. Mögliche Ursachen sind ein strukturell anderes Liquiditätsregime, die extrem lockere Geldpolitik nach der Finanzkrise 2008, die starke Rolle von Zentralbanken als Marktstütze, die Ausweitung passiver Anlagevehikel sowie eine höhere Marktreaktionsgeschwindigkeit durch algorithmischen Handel und breitere Informationstransparenz.

Strukturelle Einordnung

Die Attraktivität von Saisonalitäten liegt in ihrer Einfachheit. Eine klare Regel für ein komplexes System wirkt intuitiv plausibel. Genau hier liegt aber auch ihre Schwäche. Mehrere strukturelle Gründe sprechen gegen eine verlässliche Umsetzbarkeit der Strategie.

  • Erstens sind Saisonalitäten instabil. Kapitalmärkte folgen keinen stabilen Kalendergesetzen, sondern werden von fundamentalen Faktoren bestimmt, insbesondere von Regimewechseln, Wachstum, Inflation, Unternehmensgewinnen, Liquidität sowie Geld- und Fiskalpolitik.
  • Zweitens sind bekannte Anomalien durch Arbitrage erodierbar. Das bedeutet: Je breiter eine Marktauffälligkeit bekannt ist, desto mehr Marktteilnehmer versuchen, sie auszunutzen, und desto schneller verschwindet sie. Mit zunehmender Markttransparenz und algorithmischem Handel nimmt ihre Ausnutzbarkeit systematisch ab.
  • Drittens ist die Strategie in der Praxis nicht kostenfrei. Auch wenn in dieser Auswertung keine Transaktionskosten, Steuern oder Spreads berücksichtigt wurden, würden diese die relative Attraktivität von «Sell in May and go away» zusätzlich belasten.

Entscheidend ist daher nicht, ob ein Muster statistisch existiert, sondern ob es über die Zeit stabil, konsistent und nach Kosten ökonomisch nutzbar bleibt. Eine reine statistische Tendenz genügt dafür nicht.

Einordnung für Investorinnen und Investoren

Für eine tragfähige Anlagestrategie sind mehrere Kriterien zentral: Robustheit über die Zeit, Stabilität über verschiedene Marktregimes und ein überzeugendes Ertrags-Risiko-Profil nach Kosten. «Sell in May and go away» erfüllt diese Anforderungen nicht hinreichend.

Langfristiger Anlageerfolg entsteht in der Regel nicht durch das taktische Verlassen des Marktes, sondern durch eine konsistente Exponierung gegenüber langfristigen Risikoprämien. Saisonalitäten können als ergänzende Marktbeobachtung dienen, sind aber keine Grundlage für strategische Allokationsentscheidungen.

Die zentrale Schlussfolgerung lautet daher: Nicht jede statistische Anomalie ist investierbar. Für eine robuste Allokationsstrategie sind fundamentale Faktoren entscheidend: Bewertungsniveaus, Gewinnwachstum, Liquiditätsbedingungen und makroökonomische Regime. Diese liefern eine konsistentere Entscheidungsgrundlage als kalenderbasierte Muster. «Sell in May and go away» gehört somit zu den historisch beobachtbaren, in der Praxis aber nur eingeschränkt nutzbaren Mustern, nicht zu den robusten Allokationsregeln.

Alle Angaben dienen der allgemeinen Information und stellen keine Anlageempfehlung dar.

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Bekim Laski

Chief Investment Officer und Partner
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