«Sell in May and go away» gehört zu den bekanntesten Börsenweisheiten überhaupt. Die historischen Daten bestätigen ein statistisch schwächeres Sommermuster. Eine belastbare Anlagestrategie lässt sich daraus dennoch nicht ableiten. Warum das so ist und was die Daten wirklich zeigen, erläutert dieser Beitrag.
Saisonalitäten an den Finanzmärkten
Saisonalitäten bezeichnen wiederkehrende Muster, die sich in bestimmten Kalenderperioden beobachten lassen. Sie werden seit Jahrzehnten sowohl in der akademischen Forschung als auch in der Marktbeobachtung untersucht.
Zu den bekanntesten zählt die sogenannte «Santa Claus Rally» zum Jahresende, eine typischerweise freundliche Marktphase rund um den Jahreswechsel, die häufig mit dünneren Handelsvolumen, Jahresendstimmung und Neupositionierungen institutioneller Investoren in Verbindung gebracht wird.
Die bekanntere saisonale Auffälligkeit ist jedoch das Muster «Sell in May and go away». Laut dieser Strategie steigt ein Investor Ende April aus den Aktienmärkten aus und investiert Ende Oktober wieder. Ziel ist es, die tendenziell schwächere Entwicklung in den Sommermonaten, insbesondere im August und September, zu umgehen. Denn historische Daten vieler Aktienmärkte zeigen, dass die durchschnittlichen Renditen in diesen Monaten häufig unter dem Jahresdurchschnitt liegen. Als Erklärungen werden unter anderem tiefere Liquidität während der Ferienzeit, Gewinnmitnahmen nach der Berichtssaison sowie taktische Umschichtungen institutioneller Investoren genannt.
Dabei gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass ein negativer Durchschnitt nicht auch zwangsläufig bedeuten muss, dass August und September in jedem einzelnen Jahr schwach oder negativ ausfallen. Median-Daten verdeutlichen dies, denn sie zeigen, dass positive Sommerphasen häufiger auftreten, als der Durchschnitt vermuten lässt. Zahlreiche Ausnahmejahre existieren, und gerade diese können für die langfristige Performance entscheidend sein.
Die entscheidende Frage
Reichen solche Muster aus, um daraus eine fundierte Anlagestrategie abzuleiten? Diese Frage stellt sich im aktuellen Marktumfeld besonders, da trotz anhaltender geopolitischer Spannungen um den Iran-Konflikt haben die Aktienmärkte im April neue Höchststände erreicht. In einem solchen Umfeld, in dem fundamentale Entwicklungen die Kurse treiben, zeigt sich besonders deutlich, ob eine kalenderbasierte Handelsstrategie einen eigenständigen Mehrwert liefert oder ob eine langfristig orientierte Marktteilnahme überlegen bleibt.
Einordnung historischer Daten
Zur Beantwortung dieser Frage wurden die monatlichen Renditen von drei zentralen Aktienmärkten untersucht: MSCI World, S&P 500 und SMI. Der Betrachtungszeitraum umfasst die Jahre 1990 bis 2026, berechnet auf Basis von Preisrenditen in Lokalwährung. Transaktionskosten, Steuern und Spreads wurden nicht berücksichtigt.
Die «Sell in May and go away»-Strategie ist wie eingangs definiert: Ausstieg Ende April, Wiedereinstieg Ende Oktober. Die Buy-and-Hold-Strategie bleibt durchgehend investiert. Im Zentrum steht die Frage, ob sich über den Gesamtzeitraum ein konsistenter Mehrwert der saisonalen Strategie zeigt und wie sich dieser Effekt über die Zeit verändert hat. Die Abbildungen zeigen, wie stark sich eine Investition von 100'000 USD bzw. CHF in diese Indizes entwickelt hätte. Die Differenz (Delta) zeigt den Mehr- bzw. Minderwert einer Buy-and-Hold-Strategie versus einer «Sell in May and go away»-Strategie.

