Nehmen wir einen Unternehmer Mitte fünfzig. Sein Geschäft floriert. Privat: Die Hypothek wurde zweimal automatisch verlängert, das Vorsorgekapital liegt unangetastet in der zweiten Säule, eine Renditeliegenschaft ist eingetragen auf seinen eigenen Namen, eine Nachfolgeregelung gibt es nicht. Fünf Berater sind beteiligt, jeder zuständig für ein Teilstück. Nichts ist offensichtlich falsch – jedes Produkt war vertretbar, als es gewählt wurde. Aber die Hypothek steht heute im Konflikt mit der Ruhestandsplanung, die Liegenschaft blockiert Liquidität, welche die Nachfolge brauchen wird, und die Vorsorgestruktur bildet längst nicht mehr ab, was das Unternehmen wert ist. Jeder Berater hat seinen Job gemacht. Und niemand wird fürs Bemerken bezahlt.
Das ist kein Mangel an Expertise. Das ist ein Konstruktionsfehler.
Dieses Muster habe ich häufiger gesehen als jedes andere. Die teuersten Fehler in der Finanzwelt entstehen selten aufgrund fehlender Beratung. Sie entstehen aus Beratung, die nie koordiniert wurde.
Die Finanzbranche hat für fast jede Situation ein Produkt: eine Hypothek für die Immobilie, ein Portfolio für das Kapital, eine Vorsorgelösung für den Ruhestand, eine Versicherung für die Risiken, einen Anwalt für die Nachfolge, einen Steuerberater für die Konsequenzen. Expertise gibt es überall. Verantwortung für das Ganze ist schwerer zu finden. Jeder Spezialist kann recht haben und die Kundschaft steht am Ende trotzdem falsch da – denn die Hypothek hat Auswirkungen auf den Ruhestand, das Unternehmen hat Auswirkungen auf das Privatvermögen, die Immobilie hat Auswirkungen auf die Liquidität, und die Steuern haben Auswirkungen auf fast alles. Vermögen wird selten durch eine katastrophale Entscheidung zerstört. Es wird langsam verwässert durch Dutzende vernünftiger Entscheidungen, die nie zum Zusammenwirken entworfen wurden.
