Die erste Sitzung unter Kevin Warsh und was sie für Investoren bedeutet
Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat an ihrer Sitzung vom 17. Juni den Leitzins erwartungsgemäss unverändert belassen. Bedeutsamer als der Zinsentscheid war allerdings der erste Auftritt von Kevin Warsh als neuer Vorsitzender. Unter ihm soll die Fed den Kampf gegen die Inflation priorisieren und in der Kommunikation bewusst zurückhaltender werden. Wir ordnen ein, was der Kurswechsel für Anleger bedeutet.
Was entschieden wurde
Wenig überraschend beliess die US-Notenbank ihren Leitzins einstimmig unverändert im Band von 3,50 bis 3,75 Prozent, dem Niveau seit Dezember 2025. Die eigentliche Substanz lag in den aktualisierten Projektionen, die deutlich restriktiver ausfielen als zuvor. Im sogenannten «Dot Plot», der Grafik, in der jedes Mitglied anonym einträgt, wo es den Leitzins in den kommenden Jahren erwartet, stieg der Median für Ende 2026 auf 3,8%, nach 3,4% im März. Neun der achtzehn Mitglieder rechnen noch in diesem Jahr mit einer Zinserhöhung. Parallel dazu hob das Gremium die Inflationsprognose deutlich an. Die für 2026 erwartete Teuerung, gemessen am bevorzugten Mass der Notenbank (dem PCE-Index), stieg auf 3,6%, nach zuvor 2,7%. Die Reaktion der Finanzmärkte liess nicht lange auf sich warten – bis spätestens Oktober ist nun eine Zinserhöhung eingepreist. Die Lockerung, mit der zu Jahresbeginn noch allgemein gerechnet wurde, ist damit vorerst vom Tisch.
Die wesentlichen Überraschungen
Während der Zinsentscheid erwartet worden war, überraschte der Stil der Präsentation. Erstens strich Kevin Warsh die sogenannte Forward Guidance, also die Praxis, den Finanzmärkten im Voraus zu signalisieren, in welche Richtung sich die Zinsen voraussichtlich entwickeln. Im knapp formulierten Communiqué fehlten denn auch jegliche Hinweise auf die künftige Zinsrichtung. Zweitens verzichtete Warsh als einziges Mitglied darauf, eine eigene Zinsprognose abzugeben, da er das Instrument für nicht hilfreich hält. Damit relativiert er faktisch die Aussagekraft der übrigen Projektionen, weil die einflussreichste Stimme im Gremium bewusst schweigt.
Was technisch klingt, ist ein Stück Geldpolitikgeschichte. Die Wirtschafts- und Zinsprognosen der Fed-Mitglieder waren wichtige Bestandteile der Forward Guidance. Seit Dezember 2008, ausgehend aus der globalen Finanzkrise, wurde das Wort selbst zum wichtigen Instrument der Notenbank. Über anderthalb Jahrzehnte lang steuerte die Fed die Märkte auch über ihre Kommunikation. Warsh beendet nun diese Ära. Seine Begründung ist konzeptionell aufschlussreich. Marktpreise seien die wichtigste Informationsquelle einer Notenbank, doch wenn die Märkte nur noch zurückspiegelten, was die Fed zuvor selbst signalisiert habe, mache sie sich für genau dieses Signal blind. Er wolle diese Scheuklappen abnehmen.
Und drittens betonte Warsh mit Nachdruck seine Entschlossenheit, die Inflation zu bekämpfen, und versprach Preisstabilität zu liefern. Bei einer Teuerung, die in den USA im Mai den höchsten Stand seit drei Jahren erreichte, ist diese Tonlage ein deutliches Signal, an die Finanzmärkte ebenso wie an die Politik, die auf tiefere Zinsen drängt.
Ist das Doppelmandat noch in Kraft?
Angesichts dieser Betonung der Preisstabilität drängt sich die Frage auf, ob das Doppelmandat der Fed, Preisstabilität und Vollbeschäftigung, noch Bestand hat. Mit dem Fokus auf Preisstabilität gewichtet die Fed unter Warsh diese zwei Prioritäten neu. Solange Beschäftigung und Wachstum jedoch solide bleiben, verfügt Warsh über genug Spielraum, die Inflation konsequent in den Vordergrund zu stellen.
Weitreichende Veränderungen in die Wege geleitet
Bereits vor seinem Amtsantritt hatte Warsh angekündigt, dass er eine weniger stark kommunizierende Fed bevorzuge. Im Sinne dieser Vision für die Zukunft kündigte er fünf unabhängige Arbeitsgruppen (Task Forces) an, besetzt mit Fachleuten von innerhalb und ausserhalb der Notenbank. Diese Arbeitsgruppen sollen die Themen Kommunikation, Inflationskonzept, Fed-Bilanz, alternative Konjunkturdaten sowie Produktivität und Beschäftigung analysieren und bis Dezember Ergebnisse ausarbeiten. Die Wahl der Themen suggeriert weitreichende Veränderungen im Vorgehen der Fed sowie in ihrer Struktur.
Einordnung für Anleger
Insgesamt machte Warsh mit seinem ersten Auftritt deutlich, dass die Fed unter seiner Leitung leiser wird, sich stärker auf die Inflation fokussiert und den Finanzmärkten somit weniger Unterstützung bieten dürfte als in der Vergangenheit. Für Anleger entsteht somit ein Umfeld mit weniger Anleitung durch die Notenbank, mehr eigenständiger Preisbildung an den Märkten und tendenziell grösseren Schwankungen und höherer Volatilität.
Dies ist die unmittelbar bedeutendste Veränderung. Der Orientierungspunkt, an dem sich die Märkte über mehr als ein Jahrzehnt ausgerichtet haben, soll wegfallen. Die empirische Forschung zeigt, dass die Forward Guidance die Unsicherheit über den künftigen Zinspfad gesenkt und damit die Schwankungen am kurzen Ende der Zinskurve gedämpft hat. Am Aktienmarkt wirkte sie vor allem über die Risikoprämie und über die Kosten der Absicherung gegen starke Kursrückgänge. Fällt nun dieser Anker weg, ist mit strukturell höheren Schwankungen bei den kurzfristigen Zinsen zu rechnen, mit einer Neubewertung der Absicherungskosten am Aktienmarkt und einem impliziten Sicherheitsnetz der Notenbank, auf das weniger Verlass ist.
Ob die Fed den angekündigten Kurs tatsächlich einschlägt, entscheidet sich an den Berichten der Arbeitsgruppen bis Ende Jahr und daran, ob die übrigen Mitglieder des Gremiums den Weg mittragen. Die nächste Sitzung Ende Juli erhält vor diesem Hintergrund grössere Bedeutung.
Für Investoren ist es jedoch wichtig sich daran zu erinnern, dass langfristiger Anlageerfolg nicht auf der Reaktion auf einer einzelnen Notenbanksitzung basiert, sondern auf einer konsistenten, am eigenen Finanzplan und Risikoprofil ausgerichteten Strategie. Der Wert dieser Strategie zeigt sich insbesondere in Momenten wie diesem, wenn die wichtigste Notenbank der Welt den Märkten weniger Orientierung bietet als bisher.

