Der Umsatz 2025 lag rund ein Drittel über dem Vorjahr. Hinzu kommt ein hoher Investitionsbedarf von zuletzt rund 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr, weshalb der freie Cashflow, also der Mittelfluss nach Investitionen, mit rund minus 19,5 Milliarden deutlich negativ war. Eine Dividende ist nicht vorgesehen; Gewinne und Emissionserlöse sollen reinvestiert werden.
Worauf basieren die hohen Wachstumserwartungen?
Die Bewertung basiert weniger auf dem heutigen Ertrag als auf zukunftsgerichteten Erwartungen, die naturgemäss mit Unsicherheit behaftet sind. Bei Starlink geht es um Reichweite und Hebelwirkung. Eine neue Satellitengeneration soll die Kapazität pro Satellit vervielfachen, und die Direktanbindung gewöhnlicher Mobiltelefone würde den Kundenkreis über die heutige, auf dedizierte Starlink-Terminals ausgerichtete Nutzung hinaus deutlich erweitern.
Beim Space-Geschäft dreht sich die Erwartung um Starship. Gelingt der regelmässige, günstige Betrieb dieses wiederverwendbaren Systems, sinken die Transportkosten in den Orbit erheblich, was neue Geschäftsfelder bis hin zu Rechenzentren im Weltraum eröffnen könnte.
Die KI-Sparte schliesslich soll energieintensive Rechenlasten künftig auf Satelliten verlagern und über Starlink anbinden. Eine breite externe Vermarktung ist aber noch nicht nachgewiesen.
Lassen sich Vergleichsunternehmen heranziehen und wie lässt sich SpaceX überhaupt bewerten?
Nur eingeschränkt. Da kein börsennotiertes Unternehmen Space-Services, Satellitenkonnektivität und KI-Infrastruktur in dieser Kombination abbildet, taugen Vergleichswerte höchstens segmentweise als Annäherung, aber nicht als Gesamtvergleich. Das Ergebnis hängt dann stark vom gewählten Massstab ab. Verwendet man für Starlink den Bewertungsmassstab eines schnell wachsenden, aber noch vorkommerziellen Anbieters, ergibt sich gemäss Bloomberg-Berechnungen ein Wert von annähernd 5 Billionen US-Dollar allein für dieses Segment. Nimmt man reifere Satellitenbetreiber, schrumpft derselbe Bereich auf einige Hundert Milliarden. Entsprechend weit liegen die unabhängigen Schätzungen auseinander. «Sum-of-the-Parts»-Berechnungen kommen auf rund 390 bis gut 900 Milliarden US-Dollar, das Analysehaus Morningstar nennt rund 780 Milliarden. Alle diese Werte liegen somit deutlich unter dem angestrebten Emissionswert, der bei rund 1,75 Billionen etwa dem 78-Fachen des für 2026 erwarteten Umsatzes entspräche; gemessen am operativen Ergebnis (EV/EBITDA) wäre es rund das 265-Fache.
Der Markt bewertet somit nicht heutige Umsätze und Gewinne, sondern künftige Skaleneffekte, technologische Optionalität und die Fähigkeit, sehr hohe Investitionen in ein tragfähiges Geschäftsmodell zu überführen. Drittanalysen nennen drei Voraussetzungen, unter denen die angestrebte Grössenordnung plausibel wirken könnte: eine erfolgreiche Kommerzialisierung von Starship, robuste Margen bei Starlink und eine externe Monetarisierung der KI-Infrastruktur.
Wie können Privatkunden überhaupt investieren?
Zu unterscheiden sind drei Phasen: der indirekte Zugang vor dem IPO, die mögliche Teilnahme am IPO selbst und der Kauf nach der Kotierung. Vor dem Börsengang ist ein Engagement vor allem über bestimmte Fonds und ETFs möglich, während der direkte Erwerb privater Anteile den meisten Anlegern verschlossen bleibt. Nach dem Börsengang wird der reguläre Börsenhandel für die Mehrheit der Anleger der praktische Hauptweg sein.
Welche Vehikel gibt es, um vor dem IPO zu partizipieren?
Mehrere börsengehandelte Fonds halten SpaceX-Anteile, teils direkt, teils über Zweckgesellschaften (sogenannte SPVs). Beispiele sind geschlossene Fonds, aktive börsengehandelte Fonds (ETFs) sowie nicht börsengehandelte Intervallfonds. Entscheidend ist, dass ein solches Vehikel nicht mit einer direkten Beteiligung gleichzusetzen ist. Struktur und Bewertungsmechanik spielen eine wichtige Rolle, vor allem der Auf- oder Abschlag zum inneren Wert (auf Englisch Premium oder Discount zum NAV). Der Börsenkurs eines Fonds kann also deutlich über oder unter dem tatsächlichen Wert der enthaltenen Beteiligungen liegen.
Können Privatanleger beim IPO selbst mitmachen?
Grundsätzlich ja, praktisch aber nur begrenzt. Reuters berichtete kürzlich, SpaceX könne bis zu 30% der Transaktion für Privatanleger reservieren, was im Vergleich zu vielen grossen US-Börsengängen ungewöhnlich hoch wäre. Offen bleibt, wie viele Privatanleger tatsächlich eine Zuteilung erhalten, da die Nachfrage hoch sein dürfte und der Zugang vom jeweiligen Broker oder von der jeweiligen Bank abhängt. In der Schweiz wird ein Einstieg häufig erst nach dem Handelsstart über die Börse möglich sein.
Was bedeutet der kleine Free Float?
Bei einer Kapitalaufnahme von rund USD 75 Milliarden US-Dollar und einer Bewertung von rund 1,75 Billionen US-Dollar resultiert ein frei handelbarer Anteil (Free Float) von rund 4%. SpaceX wäre damit zwar nach Marktwert eines der grössten Unternehmen, der tatsächlich handelbare Teil wäre aber vergleichsweise klein. Für die Marktmechanik ist das wichtig, weil ein grosser Titel mit kleinem Streubesitz zugleich prominent und nur begrenzt liquide ist.
Welche Rolle dürfte SpaceX in den Aktienindizes spielen?
Der kleine Streubesitz dürfte das anfängliche Gewicht in breiten Indizes wie dem S&P 500 oder dem Nasdaq 100 begrenzen. Bei einer späteren Indexaufnahme müssen jedoch alle indexnachbildenden Fonds die Aktie kaufen, unabhängig vom Preis. Bloomberg Intelligence schätzt diese erzwungene Nachfrage auf rund 18 bis 22 Milliarden US-Dollar in den ersten Monaten. Wer einen solchen Indexfonds besitzt, partizipiert danach also automatisch und mittelbar an SpaceX, ohne die Einzelaktie zu halten.
Wie ist die Governance-Struktur einzuordnen?
SpaceX bleibt nach dem Börsengang in einer Dual-Class-Struktur organisiert. Die öffentlich angebotenen Class-A-Aktien haben eine Stimme je Aktie, während die bei Elon Musk und ausgewählten Investoren verbleibenden Class-B-Aktien je zehn Stimmen tragen. Berichten von Bloomberg und Reuters zufolge bleibt die Stimmrechtskontrolle des Gründers sehr hoch, was den Einfluss öffentlicher Aktionäre begrenzt. Zur sachlichen Einordnung gehört zudem, dass keine Dividende vorgesehen ist und die Emissionserlöse vor allem in KI-Infrastruktur, Startinfrastruktur und den Ausbau der Satellitenkonstellation fliessen sollen.
Welche Bedeutung hat das IPO im aktuellen Marktumfeld?
Eine grosse. Marktteilnehmer ordnen SpaceX in ein Umfeld ein, in dem künstliche Intelligenz, Infrastruktur, private Technologiewerte und mögliche weitere Mega-IPOs wie jene von Anthropic oder OpenAI stark im Fokus stehen. Der IPO gilt daher auch als Signal dafür, wie viel die Kapitalmärkte derzeit für sehr grosse, zukunftsträchtige Innovationen aufnehmen. Er ist damit ein Stimmungsindikator für die aktuelle Phase der Finanzmärkte.
Worauf gilt es für Investoren zu achten?
Der Börsengang von SpaceX ist in seiner Grösse ein Ausnahmefall, in der Sache aber ein lehrreiches Beispiel dafür, wie weit Schlagzeile und Substanz auseinanderliegen können. Vier sachliche Fragen helfen, die Entwicklung zu verfolgen: Welchen Preis setzt der Markt nach den ersten Handelstagen tatsächlich an? Hält Starlink seine hohen Margen, während die Preise je Nutzer sinken? Schafft Starship den Schritt von der Entwicklung zur kommerziellen Tragfähigkeit? Und wie entwickeln sich die Verluste der KI-Sparte? Keine dieser Fragen lässt sich heute beantworten. Genau darin liegt die Herausforderung. Der Wert von SpaceX hängt weniger an dem, was das Unternehmen heute ist, als an dem, was es werden könnte.