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Immobilien

«Keine 10-Millionen-Schweiz!»: Keine Lösung der strukturellen Probleme

Artikel
12 Mai 2026
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Am 14. Juni 2026 stimmt die Schweizer Bevölkerung über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative bzw. «Keine 10-Millionen-Schweiz!»-Initiative ab. Die Vorlage verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 die Grenze von 10 Millionen Personen nicht überschreitet und sieht bei anhaltend hohem Bevölkerungswachstum letztlich eine Kündigung der Personenfreizügigkeit (PFZ) mit der Europäischen Union vor.

Seit Einführung der PFZ im Jahr 2002 ist die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz von knapp 7,3 Millionen auf rund 9,1 Millionen Personen gewachsen. Rund 80% dieses Wachstums sind auf die Nettozuwanderung zurückzuführen, was einem durchschnittlichen jährlichen Wanderungssaldo von rund 65’000 Personen entspricht. Während viele europäische Länder künftig mit stagnierenden oder rückläufigen Bevölkerungszahlen konfrontiert sein dürften, wird für die Schweiz weiterhin ein Wachstum erwartet.

Mit dieser Entwicklung nehmen auch die gesellschaftlichen Spannungen zu. Ein immer grösserer Teil der Bevölkerung verbindet das Bevölkerungswachstum mit steigenden Mieten, Wohnungsknappheit und einer überlasteten Infrastruktur. Aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass die Chancen auf eine Annahme der Initiative durchaus intakt sind. Im Folgenden zeigen wir auf, weshalb die Kündigung der PFZ bei einer konsequenten Umsetzung faktisch zum zentralen Hebel werden dürfte und weshalb dadurch nicht nur bestehende Probleme ungelöst blieben, sondern auch neue Spannungsfelder entstehen könnten.

Lesen Sie unsere detaillierte Einschätzung hier:

Abb. 1

Initiative

Die Initiative sieht vor, dass die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 eine Obergrenze von 10 Millionen Personen nicht überschreiten darf. Nach diesem Zeitpunkt kann der Bundesrat den Grenzwert jährlich in Abhängigkeit vom Geburtenüberschuss anpassen.

Bereits vor Erreichen dieser Grenze sieht die Vorlage verbindliche Massnahmen vor. Überschreitet die Wohnbevölkerung 9,5 Millionen Personen, müssen Bundesrat und Parlament Schritte zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums ergreifen. Diese betreffen insbesondere den Asylbereich und den Familiennachzug. Zudem sollen internationale Abkommen, welche das Bevölkerungswachstum beeinflussen, überprüft und gegebenenfalls neu verhandelt werden. Falls die Zielgrösse trotz dieser Massnahmen während zwei Jahren nicht eingehalten werden kann, sieht die Initiative als letztmöglichen Schritt eine Kündigung der PFZ mit der EU vor.

Abb. 2

Einordnung

Die Initiative steht in einer Reihe politischer Vorstösse zur Steuerung der Zuwanderung. Bereits 2014 wurde die Initiative «Gegen Masseneinwanderung» knapp angenommen. Ihre Umsetzung erfolgte jedoch abgeschwächt, da eine direkte Kontingentierung mit der PFZ kaum vereinbar gewesen wäre. Stattdessen wurde eine Inländervorrangregelung eingeführt, um die bilateralen Verträge nicht zu gefährden.

Die Begrenzungsinitiative von 2020 ging einen Schritt weiter und forderte explizit die Kündigung der PFZ. Sie wurde deutlich abgelehnt.

Die aktuelle Vorlage unterscheidet sich in ihrer Konstruktion von ihren Vorgängern. Sie setzt nicht direkt bei der Zuwanderung an, sondern definiert eine Obergrenze für die Gesamtbevölkerung. Die Steuerung erfolgt indirekt über einzelne Zuwanderungskanäle. Eine Kündigung der PFZ ist formal nicht das primäre Ziel der Initiative, könnte bei konsequenter Umsetzung jedoch faktisch zum zentralen Hebel werden.

Warum die Kündigung der Personenfreizügigkeit zur faktischen Konsequenz werden dürfte

Damit die ständige Wohnbevölkerung bis 2050 unter 10 Millionen Personen bleibt, dürfte die Bevölkerung künftig rechnerisch nur noch um durchschnittlich rund 35’000 Personen pro Jahr wachsen. Das Referenzszenario des Bundesamts für Statistik geht hingegen von einem deutlich höheren durchschnittlichen Wachstum von rund 50’000 Personen pro Jahr aus. In diesem Szenario würde die Schweiz die Marke von 10 Millionen Einwohnern bereits gegen Ende 2041 erreichen. Die Schwelle von 9,5 Millionen Personen dürfte bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre überschritten werden.

Damit müsste das Bevölkerungswachstum schnell und substanziell reduziert werden. Entscheidend ist deshalb die Frage, wo überhaupt realistischer politischer Handlungsspielraum besteht. Die Initiative nennt insbesondere den Asylbereich und den Familiennachzug. Beide Bereiche sind jedoch nur begrenzt geeignet, das Bevölkerungswachstum in der erforderlichen Grössenordnung zu senken.

Abb. 3

Was, wenn das Stimmvolk Ja sagt?

Eine Annahme der Initiative wäre in erster Linie als starkes politisches Signal zu interpretieren. Sie würde zeigen, dass ein immer grösserer Teil der Bevölkerung das Bevölkerungswachstum zunehmend mit Wohnungsknappheit, steigenden Mieten und einer höheren Belastung der Infrastruktur verbindet.

Gleichzeitig erscheint offen, wie konsequent die Initiative im Falle einer Annahme tatsächlich umgesetzt würde. Bereits bei der Masseneinwanderungsinitiative von 2014 zeigte sich, dass Initiativen im Bereich der Zuwanderung aufgrund wirtschaftlicher Interessen sowie institutioneller und europapolitischer Realitäten später abgeschwächt umgesetzt werden können.

Eine tatsächliche Kündigung der PFZ hätte weitreichende Auswirkungen über die Zuwanderung hinaus. Aufgrund der sogenannten Guillotine-Klausel würden automatisch auch die Bilateralen ausser Kraft gesetzt. Gleichzeitig könnten die laufenden Verhandlungen mit der Europäischen Union belastet sowie die Zusammenarbeit im Rahmen von Schengen und Dublin politisch unter Druck geraten. Gerade letzteres wäre auch für den Asylbereich relevant, da Rückführungen von Asylsuchenden in zuständige EU-Staaten erschwert werden könnten.

Die zugrunde liegenden strukturellen Spannungsfelder dürften damit jedoch bestehen bleiben. Wohnungsknappheit, steigende Mieten oder die Belastung der Infrastruktur hängen nicht allein mit dem Bevölkerungswachstum zusammen, sondern auch mit langwierigen Bewilligungsverfahren, regulatorischen Hürden, begrenzten Baukapazitäten und der räumlichen Konzentration von Wohnen und Arbeiten. Gleichzeitig könnte eine deutlich tiefere Zuwanderung neue Zielkonflikte am Arbeitsmarkt schaffen und den Fachkräftemangel in einzelnen Branchen zusätzlich verschärfen. Die gesellschaftliche und emotionale Relevanz dieser Themen ist real. Ob eine künstliche Begrenzung des Bevölkerungswachstums die zugrunde liegenden Probleme tatsächlich nachhaltig lösen würde, erscheint hingegen fraglich.

Risiko für die Immobilienwirtschaft

Unabhängig vom Abstimmungsausgang stellt die Initiative auch ein zentrales politisches Risiko für die Schweizer Immobilienwirtschaft dar. Für Investoren ist dies kritisch, denn mit solchen Abstimmungen rückt weniger die kurzfristige Marktdynamik in den Fokus, sondern die wachsende Unsicherheit über die langfristigen Rahmenbedingungen von Nachfrage, Regulierung und Standortattraktivität. Diese Unsicherheit dürfte letztlich zur Folge haben, dass Projekte zurückgestellt oder Standorte bewusst gemieden werden, nicht weil die Nachfrage fehlt, sondern weil unklar ist, wie sich die Spielregeln entwickeln. Politische Risiken werden somit zunehmend zum entscheidenden Faktor im Investitionsentscheid.

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Author:
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Burak Er

Head Research & Advisory Solutions
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