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Der Iran-Krieg dauert an: eine Einordnung nach der ersten Kriegswoche

Artikel
6 Mär 2026
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Der andauernde Krieg im Iran hält die Welt weiterhin in Atem. Ein Ende des Konflikts ist derzeit nicht absehbar, und die Unsicherheit an den Finanzmärkten bleibt hoch. Mit diesem Update-Beitrag ordnen wir ein, was bekannt ist, was offen bleibt, und warum Besonnenheit auch jetzt die richtige Haltung ist.

Eine Region von zentraler energiepolitischer Bedeutung

Die Sorge der Finanzmärkte richtet sich vor allem auf die globale Energieversorgung, da der Konflikt eine Region betrifft, die zu den zentralen Knotenpunkten der globalen Energiearchitektur zählt. Durch die Strasse von Hormus werden mehr als 25% des weltweiten Seehandels mit Rohöl transportiert, ebenso rund 20% des global gehandelten Flüssiggases (LNG). Iran verfügt zudem über die zweitgrössten Gasreserven und die viertgrössten Ölreserven der Welt, was das strategische Gewicht dieser Region zusätzlich unterstreicht.

Die grössten Abnehmer dieser Energieströme sind asiatische Volkswirtschaften, wobei auch die Europäische Union zu den weltweit grössten Energieimporteuren zählt. Die fossile Brennstoffintensität vieler Volkswirtschaften ist jedoch seit längerem rückläufig, das heisst, eine Einheit Wirtschaftsleistung verbraucht heute weniger Energie als früher, was die Verwundbarkeit gegenüber Ölpreis-Schocks mindert. Europas aktuell niedrige Erdgasspeicherstände erhöhen die Anfälligkeit für einen LNG-Preisschock, wobei der bisherige Preisanstieg bei Erdgas geringer ist als während der Energiekrise 2022.

Was wir wissen, und was wir nicht wissen

Führende iranische Militär- und Regierungsmitglieder wurden in den ersten Angriffen getötet. Das Regime kämpft um sein Überleben. Jenseits dieser Fakten bleibt die Lage äusserst unübersichtlich. Selbst wenn ein Konflikt zunächst begrenzt erscheint, kann er rasch eine Eigendynamik entwickeln, die über die ursprüngliche Zielsetzung hinausgeht.

Kriegsgeschehen verlaufen nie linear, sie sind von unbeabsichtigten und schwer vorhersehbaren Konsequenzen geprägt. Eine genaue Vorhersage über Dauer, Ausmass und wirtschaftliche Folgen dieses Konflikts ist somit kaum möglich.

Zu den Grenzen von Vergleichen und Prognosen

Zwei Instrumente helfen, die Unsicherheit analytisch zu fassen: Szenarioanalysen, die unterschiedliche Konfliktausgänge und ihre wirtschaftlichen Folgen abbilden, sowie historische Vergleiche mit früheren geopolitischen Schocks.

Beide Ansätze sind nützlich, aber beide haben ihre Grenzen. Wirtschaftliche Zyklen wiederholen sich nie in identischer Form. Entscheidend ist vor allem das Zusammenspiel dreier Faktoren: erstens die geldpolitische Ausgangslage, also ob Zentralbanken noch Spielraum haben zu reagieren; zweitens die Bewertungsniveaus an den Finanzmärkten, die bestimmen, wie anfällig diese für Korrekturen sind; und drittens der Grad der Energieabhängigkeit der betroffenen Volkswirtschaften, der darüber entscheidet, wie stark ein Energiepreisschock in die Realwirtschaft durchschlägt. Hinzu kommen Faktoren wie Saisonalität, geopolitische Konstellationen und die regulatorische und technologische Ausgangslage. Historische Muster können Orientierung bieten, sie ersetzen aber keine aktuelle Lagebeurteilung.

Basisszenario: Kurzer Konflikt, begrenzter Schaden

In den gängigen Szenario-Modellen wird derzeit davon ausgegangen, dass der Konflikt relativ kurz verläuft. In diesem Fall dürfte der Einfluss auf die Inflation moderat bleiben, möglicherweise in der Grössenordnung von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten. Da viele Volkswirtschaften noch über gewisse freie Kapazitäten verfügen, wäre der Effekt auf das globale Wachstum begrenzt und dürfte zwischen 0,1 und 0,3 Prozentpunkten liegen. Die USA und die Schweiz dürften am unteren Ende dieser Spanne liegen, während die Eurozone aufgrund ihrer höheren Energieabhängigkeit stärker betroffen wäre. Zentralbanken dürften einen solchen Inflationsanstieg als vorübergehend einstufen und geldpolitisch nicht reagieren.

Negativszenario: Eskalation mit strukturellen Folgen

Ein länger andauernder Konflikt mit ernsthaften Schäden an Förder- oder Transportinfrastruktur wäre qualitativ anders zu bewerten. Hier ginge es nicht mehr um vorübergehende Preisausschläge, sondern um eine nachhaltige Störung globaler Energieflüsse. Inflation und Wachstum wären deutlich stärker betroffen, die Risikoprämien an den Kapitalmärkten würden kräftig steigen, und politische Reaktionen wie Sanktionen oder Exportrestriktionen könnten die Lage weiter verschärfen. In diesem Szenario würden auch Zentralbanken vor schwierigeren Abwägungen stehen: steigende Preise auf der einen, schwächeres Wachstum auf der anderen Seite.

Ein Blick in die Geschichte: Einordnung mit Vorsicht

Frühere geopolitische Schocks zeigen ein wiederkehrendes Muster: Auf einen initialen Kursrückgang folgte meist eine Stabilisierung. In mehreren Fällen erholten sich die Aktienmärkte innerhalb von drei bis sechs Monaten wieder. Das ist eine relevante Beobachtung, auch wenn dies keine Garantie ist. Was den aktuellen Konflikt von vielen Vorgängern unterscheidet, ist die strukturelle Bedeutung der betroffenen Region für die globale Energieversorgung. Wie schnell sich eine Stabilisierung einstellt, hängt weniger von historischen Mustern ab als davon, wie klar und glaubwürdig die weitere Entwicklung eingeschätzt werden kann.

Entwicklung des Ölpreises (Brent) während ausgewählter kriegerischer Ereignisse
Entwicklung des Europäischen Gaspreises während ausgewählter kriegerischer Ereignisse
Entwicklung des S&P 500 Index (in USD) während ausgewählter kriegerischer Ereignisse

Was das für Anlegerinnen und Anleger bedeutet

Geopolitische Schocks erzeugen Volatilität. Das ist unangenehm, aber kein Grund zur Kapitulation. Diversifizierte Portfolios sind genau für solche Phasen konstruiert. Sie verteilen Risiken über Anlageklassen, Regionen und Sektoren, sodass ein einzelnes Ereignis den Gesamterfolg einer Anlagestrategie nicht gefährdet. Die Geschichte zeigt, dass Anlegerinnen und Anleger, die in Phasen geopolitischer Unsicherheit diszipliniert an ihrer Strategie festhalten, langfristig besser abschneiden als jene, die auf Kursrückgänge mit übereilten Verkäufen reagieren. Kurzfristige Volatilität und langfristiger Vermögensaufbau schliessen sich nicht aus.

Author:
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Bekim Laski

Chief Investment Officer und Partner
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